Die größten Irrtümer in Sachen Berufsunfähigkeit

3.7.2012 – Die Versicherungskammer Bayern (VKB) plant, ihre Vertriebsanstrengungen für Berufsunfähigkeits-Versicherungen zu intensivieren. Dazu ließ der Regionalversicherer per Umfrage ermitteln, wie die potenziellen Kunden im eigenen Geschäftsgebiet dieses Risiko einschätzen. Die Ergebnisse sind – wie im Rest des Geschäftsgebietes auch – ernüchternd bis erschreckend, so VKB-Vorstand Barbara Schick.

 

Die Versicherungskammer Bayern(VKB) hat im Februar 2012 von der Forsa Gesellschaft für Sozialforschungund statistische Analysen mbH 150 Einwohner Münchens und 500 Personen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren außerhalb der bayerischen Metropole in ganz Bayern zum Thema Berufsunfähigkeit befragen lassen.

Bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse zitierte VKB-Vorstandsmitglied Barbara Schick aus GDV-Statistiken, dass 37 Prozent aller deutschen Haushalte eine Vollkaskoversicherung für ihr Auto abgeschlossen haben. Dagegen hat nicht einmal jeder Vierte eine private Berufs- oder Erwerbsunfähigkeits-Versicherung.

Angesichts der verheerenden finanziellen Folgen, die der Verlust der eigenen Arbeitskraft haben kann, sind das für Schick „besorgniserregende Fakten“. Ein zentraler Grund für den eklatanten Vorsorgemangel sieht sie in höchst bedenklichen Irrtümern zum Risiko der Berufsunfähigkeit, die in der Umfrage zu Tage getreten seien.

 

Single-Dasein erhöht Problem-Bewusstsein

Denen unterliegen nach der Umfrage sehr viele Münchner. In Bayern sind die Fehleinschätzungen teilweise sogar noch gravierender. Das etwas größere Problem-Bewusstsein in München führen die Forsa-Marktforscher auf den höheren Anteil an Single-Haushalten zurück. Den Befragten dort ist inzwischen offenbar immerhin klar, dass sie im Ernstfall nicht auf eine familiäre Absicherung zählen können.

 

Trotzdem verlässt sich selbst in München noch ein knappes Fünftel darauf, dass der Partner oder andere Angehörige im Fall einer Berufsunfähigkeit für den Lebensunterhalt sorgt. Unter den 500 befragten Bayern liegt der Anteil gar bei über einem Viertel. Schon mit Blick auf die Scheidungsraten findet die VKB-Managerin das etwas kühn.

 

Verdrängungsmechanismen funktionieren voll

Zudem zeigt sich eine Fehleinschätzung hinsichtlich der Eintritts-Wahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeit. Fast eine Drei-Viertel-Mehrheit der Münchener hält das Risiko, im Laufe des Berufslebens selbst von diesem Schicksal ereilt zu werden, für sehr oder zumindest eher gering. In Bayern liegt der Anteil bei gut zwei Dritteln. Auf der anderen Seite sehen nur sieben Prozent der Münchener und acht Prozent der Bayern für sich selbst ein stark erhöhtes Risiko.

 

Dies ist insbesondere deshalb auffällig, da knapp jeder Dritte seinen Beruf für besonders stressig hält und jeder Siebte ihn als körperlich anstrengend oder gar gefährlich einstuft. Zudem kennt fast jeder Dritte einen Betroffenen in seinem Umfeld.

 

Trotzdem glaubt fast die Hälfte der Befragten, dass maximal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung irgendwann arbeitsunfähig werden. Tatsächlich, erinnerte Schick, scheidet inzwischen jeder vierte Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Berufsleben aus.

 

Steigende Sensibilität für psychische Erkrankungen

Deutlich gewachsen ist durch die breite Burn-Out-Diskussion dagegen offensichtlich das Risikobewusstsein, was Nervenkrankheiten und psychische Ursachen als Grund für Berufsunfähigkeit betrifft. Nach Einschätzung der Befragten kommen solche Erkrankungen nach denen des Skelett- und Bewegungsapparates an zweiter Stelle.

Nach den Statistiken der Zugänge für eine Erwerbsminderungsrente der Deutschen Rentenversicherung aus dem Jahre 2010 ist die Reihenfolge allerdings schon jetzt genau umgekehrt. Völlig überschätzt wird von den Befragten die Bedeutung von Unfällen.

 

Wenig Ahnung von den finanziellen Konsequenzen

Weitgehende Desinformation herrscht ebenso in Bezug auf die finanziellen Konsequenzen einer Berufsunfähigkeit sowie auf die Leistungen, die noch aus der gesetzlichen Absicherung zu erwarten sind.

 

Insbesondere für alle, die nach dem 1. Januar 1961 geboren wurden, sieht es nach der Rentenreform von 2001 sehr düster aus, erinnerte Schick. Denn für diese gibt es keine gesetzliche Berufsunfähigkeits-Versicherung mehr, sondern lediglich eine Erwerbsminderungsrente.

 

Erhebliche Abgrenzungs-Schwierigkeiten zur Unfallversicherung

Doch auch im Hinblick auf die Abgrenzung zwischen Unfall- und Berufsunfähigkeits-Versicherung, ergänzte Joachim Geiberger, Inhaber und Geschäftsführungs-Vorsitzender des Analysehauses Morgen&Morgen.

Und kaum verstanden werde, dass im Falle der Berufsunfähigkeit jedermann plötzlich mit einer Art Kumulrisiko konfrontiert sei. Dann breche nämlich nicht nur das laufende Einkommen weg. Auch der Aufbau der gesetzlichen wie der privaten Altersvorsorge werden abrupt gestoppt, machte Geiberger deutlich.

 

Schwierige Suche nach der passenden Lösung

Ein leichtes Unterfangen ist die Absicherung dieses doppelten Risikos für die Kunden allerdings auch deshalb nicht, weil die Lösungsangebote der Versicherer von den Bedingungswerken her wenig übersichtlich sind, konstatierte er. „Enorm“ seien außerdem die Preisunterschiede, so Geiberger.

Ohne kompetente Berater, die den Markt sehr gut kennen, haben Verbraucher nach seiner Einschätzung daher faktisch wenig Chance, eine für sie optimale Absicherungslösung zu finden. Die schlicht „beste Berufsunfähigkeits-Versicherung“ gebe es ganz einfach nicht.

 

v. Reinhold Müller